12.05.2020 - Das Jahr der Pflegenden - ganz anders als geplant

Als „herausfordernd“ beschreibt Katharina Reitenspies die Situation in der Corona-Krise. Die alten Menschen fühlten sich zunehmend isoliert und inzwischen komme von vielen
täglich der Wunsch, die Angehörigen sehen zu wollen. Vom Balkon zu ihnen zu sprechen, genüge ihnen nicht mehr. Für das Pflegepersonal werde es anstrengend, auch wenn sie
vieles unternehmen, die Bewohner zu beschäftigen und zu unterhalten. Katharina Reitenspies ist angehende Pflegekraft im Caritas-Seniorenheim St. Albertus Magnus in Stein bei Nürnberg. Erst im Oktober hat sie ihre Ausbildung begonnen. Für den
theoretischen Teil besucht sie die Berufsfachschule für Pflege des Caritasverbandes Nürnberg.

Wie mehrere hundert anderer Pflegeschülerinnen und -schüler hätte sie am 12. Mai – dem Tag der Pflege – in der Nürnberger Innenstadt teilgenommen. Kreativ und bunt wollten die
jungen Menschen mit Tanz, Pantomime, Theater, Spielen und auf Transparenten und Plakaten zeigen, wie schön, bereichernd und wertvoll ihr Beruf ist. Doch auch dem hat Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wegen der Pandemie musste die Bezirksarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege im Bezirk Mittelfranken die Veranstaltung absagen. Und das in einem Jubiläumsjahr. Florence Nightingale, die Begründerin der Pflegeausbildung, hätte just an diesem 12. Mai ihren 200. Geburtstag gehabt, der Grund weswegen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Jahr 2020 als „Jahr der Pflegenden“ ausgerufen hat . Nun ist es auf ganz unvorhergesehene Art ein Jahr der Pflegenden geworden.

Die Systemrelevanz des Pflegeberufes ist nun Vielen bewusst, und sie wird sich noch steigern: Sind in Deutschland schon heute rund 3,5 Millionen Menschen auf Pflege und Betreuung angewiesen, so wird die Zahl in den nächsten 10 Jahren auf fast 4 Millionen ansteigen. Das erfordert 80.000 zusätzliche Stellen in der stationären und noch einmal 20.000 in der ambulanten Pflege.

Katharina Reitenspies hat in der Pflege ihre Berufung gefunden. Sie ist bereits 27 Jahre alt, hat studiert und dann in der Tourismusbranche gearbeitet. „Den Bürojob fand ich schrecklich“, sagt sie. Bereits als Gymnasiastin habe sie bei der Pflege ihrer Tante mitgeholfen. „Ich war immer dabei, habe alles gesehen“. Als sie sich beruflich umorientierte, habe ihr Vater gesagt: „Das liegt dir.“ Sie arbeite heute in der Pflege, „weil es mir gefällt“.

Michael Groß, Vorsitzender der Bezirksarbeitsgemeinschaft der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege im Bezirk Mittelfranken, hofft, dass viele junge Menschen dies genauso sehen und sich zur neuen dreijährigen Pflegefachkraftausbildung entschließen. Auch, oder gerade, unter dem Zeichen des Virus.